Thomas Kling

das haus ist der mundraum

das haus ist der mundraum. ¦ das haus ist text seiner bewohner.
ist es erlaubt , vom atem, vom dur­chat­men ¦ der bewohner in einem haus zu sprechen?
ist es erlaubt, vom atem der gen­er­a­tio­nen ¦ zu sprechen, die in dem haus gewohnt haben?
schlechter atem im ungelüfteten haus. gerüche ¦ im trep­pen­haus und aus den fen­stern der nach­barschaft.
atem, der aus dem mund der wöch­nerin geht. ¦ schneller atem, ras­selnd, eines ster­ben­den.
die fen­ster sind geöffnet. die tür zur straße geht auf, ¦ eine per­son ver­läßt das haus. sie zögert, dreht sich um
betritt das haus aber­mals, kehrt wieder mit einem ¦ gegen­stand, den sie vergessen hat. es ist 10 uhr 35.
ist es erlaubt, vom atem der haus­be­wohner und ihrer ¦  vergeßlichkeit zu sprechen? von der geschwindigkeit
in der ein ver­lassenes haus ein ver­lassenes haus wird? ¦ ist es erlaubt, zu sagen, daß die steine unver­mutet ins
haus gelan­gen? ist es erlaubt, zu sagen, daß hier große ¦ steine mit­ten in den wohn­raum gelangt sind, dor­thin,
wo sie nicht hinge­hören? was wer­den, sohn, die nach­barn ¦ sagen? junge, hast du denn darüber nachgedacht, was die
nach­barn sagen wer­den? die nach­barn atmen in ihren häusern, ¦ mut­ter, sie ver­lassen ihr haus, kehren um, weil sie etwas
vergessen haben. aber junge, was wer­den deine nach­barn ¦ sagen, wenn sie erfahren, daß der garten im haus ist?
mut­ter, mein garten atmet im haus, atmet wie meine ¦ nach­barn atmen. jeder hat pflanzen im haus, mut­ter!
ich kehre um, ich drehe das haus um, weil ich etwas ¦ vergessen habe. ich habe das haus auf den kopf gestellt!
ist es erlaubt, junge, davon zu sprechen, daß das haus ¦ so sehr atmet, daß der erste stock auf die strasse fahren kann!
mut­ter, alle nach­barn wer­den mit­fahren wollen, wenn sie sehen, ¦ was mein haus alles kann. das haus gähnt, es atmet mut­ter!
das haus erlebt seine bewohner, es öffnet den mundraum. ¦ das haus atmet, es ist der text seiner bewohner.
das haus ist zuhause bei sich, es zeigt sich. es zeigt ¦ die summe seines atems: das haus ist der mundraum.
© Thomas Kling
 

the house is the mouth cave

the house is the mouth cave. ¦ the house is the text of its inhab­i­tants.
is it fair to speak of the breath, ¦ the deep breath of the peo­ple liv­ing in the house?
is it fair to speak of the breath, ¦ of gen­er­a­tions that have lived in the house?
bad breath in a stuffy house. odours in the stair­well ¦ and from the win­dows in the neigh­bour­hood
breath from the woman who just gave birth ¦ fast breath, rattling,of some­one dying.
the win­dows are open, the front door opens, ¦ a per­son leaves the house, hes­i­tates, turns around,
goes back into the house, returns with an object ¦ for­got­ten the first time, it is 10:35.
is it fair to speak of the breath of the inhab­i­tants ¦ and their for­get­ful­ness? of the speed with which
a deserted house becomes a deserted house? ¦ is it fair to say that the stones inside the house
come unex­pect­edly? is it fair to say that big stones ¦  have ended up in the mid­dle of the liv­ing room
where they don‘t belong? what, son, will the neigh­bours say? ¦ son, have you thought about what the neigh­bours
will say? the neigh­bours breath in their houses, ¦ mother, they leave the house, turn back because they
have for­got­ten some­thing, but, son, what will your neigh­bours ¦ say when they dis­cover that the gar­den is in the house?
mother, my gar­den breathes in the house, breathes like ¦ my neigh­bours do. every­body has plants in their house, mother !
i turn around, i turn the house around because i for­got ¦ some­thing. i have turned the house upside down!
is it fair, son, to talk about the house breath­ing ¦ so hard that the sec­ond floor can drive on the street!
mother, all the neigh­bours will want a ride when they see ¦ what my house can do. the house yawns, it breathes, mother!
the house tastes its inhab­i­tants, it opens its mouth cave. ¦ the house breathes, it is the text of its inhab­i­tants.
the house is at home with itself, it shows itself, it shows ¦ the sum of its breath: the house is the mouth cave.
© Thomas Kling, Trans­la­tion by Cat­ger­ine Schelbert

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